Die biologischen Faktoren von Rückenschmerzen

Aktualisiert: 12. Okt 2018


Welche zahlreichen Ursachen von Rückenproblemen es auf der physisch-biologischen Ebene gibt und wie genau diese einzuordnen sind, erfährst du in diesem Artikel.



Viele Mediziner, Physiotherapeuten oder Trainer sind immer noch davon überzeugt, dass Schmerzen lediglich auf biomedizinische Art und Weise zu erklären sind und lehnen eine maßgebliche Bedeutung der psychosozialen Einflussfaktoren ab. Dabei deuten selbst unsere neuesten Erkenntnisse über die Biologie des Körpers immer mehr auf die Wechselwirkungen mit psychosozialen Faktoren hin.


Dies bestätigen nicht zuletzt die Fachbereiche der Faszienforschung, Schmerztherapie und Atemwissenschaften. Denn in all diesen Bereichen wird immer deutlicher, dass die Ursachen und Wirkungen der einzelnen Faktoren mit einem rein biomedizinischen Modell gar nicht so klar bestimmt werden können, sondern viel eher eine ständige Wechselwirkung des Biologischen mit dem Psychosozialen besteht.


Da so viele Wirkfaktoren bei Rückenschmerzen eine Rolle spielen können, ist es oftmals zu beobachten, dass, je nachdem, wer sich die Problematik anschaut, verschiedenste Ursachen hierfür benannt werden. Schaut sich z. B. ein Chiropraktiker den Rücken an, wird ihm die „Fehlstellung“ der Wirbel auffallen und er diese korrigieren wollen, ein Physiotherapeut schaut sich eher das verspannte Gewebe an und versucht, dieses zu lockern, ein Zahnarzt erkennt, dass die Fehlstellung des Gebisses die Ursache der Probleme darstellt und ein Psychologe sieht im Dauerstress und in bestimmten Ängsten die Ausgangsproblematik.


Das Verständnis darüber, dass Rückenprobleme multifaktorielle Ursachen besitzen, wächst somit von Tag zu Tag und mit ihm die vermehrte Akzeptanz des hoch-aktuellen biopsychosozialen Modells von Rückenschmerzen. Da ich über die Grundzüge dieses Modells bereits in einem vorigen Blogartikel geschrieben habe, wollen wir uns nun im Speziellen mit den biologischen Faktoren - die allein auch schon sehr vielseitig und komplex sind - genauer befassen.


Was sind alles physisch-biologischen Faktoren?

Physisch-biologische Faktoren von Rückenproblemen implizieren sämtliche Störungen der Strukturen und Systeme unseres Körpers, sowie alles, was in direkter Weise hierzu führen kann. Sie erhöhen entweder generell die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Schmerzen kommen kann, oder sie bestimmen zudem auch, in welchem Bereich die Schmerzen auftreten.


Wir haben in einem vorigen Blog-Artikel schon gelernt, dass bei etwa 90 % der Rückenschmerzen die in Röntgen- oder MRT-Bildern gefundenen Symptome nicht als eindeutige Ursache ausgemacht werden können. Diese Symptome sind daher im Großteil der Fälle eher als Zündholz zu betrachten, das mithilfe vieler unterstützender Faktoren (Bewegungsmangel, ungesundes Ernährungsverhalten, schlechter Schlaf etc.) zum Entfachen eines Feuers (Auftreten von Schmerzen z.B. beim Hexenschuss) führen kann.


In Bezug auf Rückenschmerzen lassen sich auf physisch-biologischer Ebene somit die Wirkfaktoren danach unterscheiden, ob sie entweder den Ort der Probleme (Zündholz) mitbestimmen oder nur generell als unterstützende Faktoren (Facilitatoren) für das Auslösen von Schmerzen wirken.


Die Einteilung der einzelnen Wirkfaktoren in diese beiden Kategorien sieht wie folgt aus:


(Die einzelnen Wirkfaktoren werden in zukünftigen oder wurden in älteren Blogartikeln genauer erläutert)

Zündholz:


Kompensationen bei Bewegungsmustern: Einzelne Körpersegmente werden überlastet aufgrund von Kompensationsmustern, die aus mangelnder Mobilität, Stabilität/Muskelschwäche, neuronaler Aktivierung oder motorischer Kontrolle resultieren.


Einseitige Haltungen im Alltag: Z.B. Vorgestreckte Kopfhaltung kann Nackenverspannungen bedingen, Hohlkreuz oder Rundrücken Schmerzen im unteren oder mittleren Rücken.


Vorherige Verletzungen: Die verletzte Stelle bzw. Stellen direkt darunter oder darüber sind anfälliger für erneute Verletzungen bzw. Überlastungen.


Diagnosen: Z.B. Degenerative Abnutzungserscheinungen bestimmter Bereiche der Wirbelsäule


Kompensatorische Atmung: Wenn z.B. zu viel in den oberen Brustraum geatmet wird, können Nackenverspannungen daraus resultieren oder wenn unser wichtigster Atemmuskel, das Zwerchfell, verkürzt oder nicht optimal positioniert ist, kann z.B. ein Hohlkreuz die Folge sein.


Faszien: Wenn die Gleitfähigkeit des Fasziengewebes im Bereich der Lendenwirbelsäule gemindert ist, kann dies Verspannungsgefühle und Schmerzen auslösen.


Periphere Sensibilisierung/Nozizeptive Schmerzen: Periphere Nozizeptoren sind sensorische Nervenendigungen, die jede Art von Gefahr wie zu starke Hitze, Kälte oder Druck wahrnehmen und die Signale an das Gehirn weiterleiten, welches dann ein Schmerzsignal sendet, damit wir der Gefahr entkommen. Wenn die Nerven beschädigt oder entzündet sind, kann das ganze Schmerzsystem sensibler werden. Wir spüren dann bereits bei kleinen, harmlosen Bewegungen Schmerzen an der jeweiligen Stelle.


Unterstützende Faktoren (Facilitatoren):


Bewegungsmangel: Die Auswirkungen auf den gesamten Körper inkludieren u.a. mangelnde Durchblutung, Abschwächen von Muskeln, Gelenken und Knochen sowie das vermehrte Verkleben und Verfilzen der Faszien.


Langes Sitzen: Führt zu Muskelverkürzungen, mangelnder Durchblutung und verschlechterter Muskelansteuerung.


Flache Atmung: Bedingt eine ständige Sympathikusaktivierung, wodurch sich der Körper mehr im Stresszustand befindet und schlechter regenerieren kann.


Ungesundes Ernährungsverhalten: Erhöht die Belastung der Organe und fördert Entzündungen im gesamten Körper.


Schlafstörungen: Der Körper bekommt nicht genügend Regenerationsmöglichkeit, die allgemeine Leistungsfähigkeit nimmt ab und verschiedene Körpersysteme werden durcheinander gebracht.


Mangelnde Regeneration: Bekommt der Körper nicht ausreichend Zeit für die Proteinbiosynthese, um uns widerstandsfähiger zu machen und Muskeln aufzubauen, kommt es zu einem Übertraining und die Leistungsfähigkeit nimmt ab, während die Anfälligkeit für Krankheiten und Schmerzen zunimmt.


Zentrale Sensibilisierung: Beschreibt die veränderte Aktivität der Nervenzellen, die im Zentralen Nervensystem Schmerz verarbeiten, wodurch Schmerzen verstärkt werden und auch normalerweise nicht-schmerzhafte Reize, wie Berührungen, Schmerz auslösen können.


Was bedeutet das für uns?

Diese Aufführung der zahlreichen physisch-biologischen Wirkfaktoren soll in erster Linie aufzeigen, dass es immer auch einen biologischen Grund für Schmerzen gibt und diese daher niemals ausschließlich Kopfsache sind.


Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass das Zündholz allein nicht immer Schmerzen verursachen muss, sondern oftmals sehr gut vom Körper kompensiert werden kann, wenn er nicht zusätzlich auch noch einer Menge unterstützender Faktoren ausgeliefert ist.


Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Fälle, bei denen unterstützende Faktoren auch ohne erkennbares Zündholz zu Schmerzen führen können. In diesen Fällen kann es daher am sinnvollsten sein, den Fokus darauf zu legen, diese unterstützenden Faktoren durch z.B. mehr Bewegung, besseres Ernährungsverhalten oder ausreichend Schlaf zu minimieren.


Ist Zündholz vorhanden, z.B. in Form von klar erkennbaren Kompensationen in den Bewegungsmustern, wäre es schlau einen Ansatz zu wählen, der sowohl an diesem Zündholz ansetzt, als aber auch darauf abzielt, die unterstützenden Faktoren zu minimieren. In diesem Fall wäre dies z.B. ein gezieltes Training gegen die Kompensationen, bei gleichzeitigem Fokus auf mehr Bewegung im Alltag.



Mach den Selbsttest!


Wenn Du herausfinden möchtest, wo Du eventuell Zündholz in Form von Kompensationen in Deinen Bewegungsmustern besitzt, dann führe jetzt unseren kostenlosen Selbsttest unter folgendem Link durch:


https://rueckenfitchallenge.de/mychallenge/web/selbsttest-start


Hier eine Liste von Studien für den interessierten Leser:


https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1725147/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20961685

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3872656/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5022111/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4464797/