Die psychischen Faktoren von Rückenschmerzen

Aktualisiert: 23. Okt 2018

Welche psychisch-emotionalen Ursachen haben Rückenschmerzen und wie genau funktioniert der Zusammenhang zwischen Psyche und Körper überhaupt? Antworten hierauf bekommst Du in diesem Artikel.



Viele Sprüche in unserer täglichen Sprache, wie: „Das schlägt mir auf den Magen!“ oder: „Das muss ich zunächst verdauen!“ zeigen, dass uns irgendwo bewusst ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Psyche und Körper geben muss. Dennoch vertrauen viele immer noch einzig und allein den biomedizinischen Diagnosen.


Ich möchte daher nun etwas Licht ins Dunkel dieses genauen Zusammenhanges bringen, indem ich Dir aufzeige, welche Mechanismen der Wissenschaft in dieser Hinsicht heutzutage bekannt sind und welche Faktoren zu den psychischen Ursachen von Schmerzen dazu gehören.


Psychische Faktoren spielen immer eine Rolle


Laut dem aktuellen biopsychosozialen Modell unterliegen einer jeden Erkrankung stets auch psychisch-emotionale Faktoren. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt bei jeder Erkältung oder jedem kleinen Ziehen im Rücken direkt zum Psychologen rennen müssen, sondern lediglich, dass Faktoren wie Stress, Depressionen, Ängste und Sorgen stets mit zur Erklärung einer Erkrankung herangezogen werden können.


Dabei kann das Ansetzen an diesen psychischen Faktoren die Kompetenz unseres Körpers,

mit auftretenden Störungen fertig zu werden, bedeutend steigern. Stärken wir ihn auch in seinen psychischen Ressourcen, kann dadurch eine Symptomlinderung oder gar eine vollständige Genesung herbeigeführt werden.



Denn letztlich entsteht der Schmerz im Gehirn und nicht in dem jeweiligen Körperteil, in dem wir den Schmerz spüren.

Wie schon in meinem vorigen Blog-Artikel erklärt, bekommt das Gehirn zwar die Informationen einer Bedrohung von den Schmerzsensoren (Nozizeptoren), aber es trifft anschließend selbst die Entscheidung, wie es mit diesen umgeht. Bei z.B. mangelnder Durchblutung des Gesäßes durch stundenlanges Sitzen in der selben Position, sendet unser Gehirn als Antwort auf die Information dieses Zustandes ein unterbewusstes Signal aus, dass wir unsere Sitzposition verändern sollen. Es benötigt hierfür also nichtmal die Aufmerksamkeit unseres Bewusstseins, um den Zustand zu regulieren.


Wenn dies jedoch auch nicht hilft und die Gefahr einer Schädigung größer wird, entscheidet es sich, unser Bewusstsein mit einzuschalten und sendet das Gefühl von Unbehagen oder Schmerz aus, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir etwas verändern werden.

Dies ist im Grunde der gleiche Mechanismus, wie wenn wir das Gefühl von Durst verspüren, sobald unser Körper bemerkt, dass die Blut- und Salzkonzentrationen im Körper nicht mehr im Gleichgewicht sind.



Schmerzforscher nennen diese unangenehmen Gefühle daher homöostatische (Gleichgewichts-) Emotionen und zählen das Gefühl von Schmerzen dazu.

Somit wäre Schmerz nichts anderes als ein drängendes Gefühl, das uns für ein Verhalten motivieren soll, welches wieder Gleichgewicht schafft.


Soweit so gut, aber was hat die Psyche damit zu tun?


Das Entscheidende ist, dass es von dem aktuellen Zustand des Gehirns abhängt, ob und wie schnell es ein Schmerzsignal aussendet. Sind wir ausgelaugt oder überfordert, wird es eher Schmerzen aussenden, als wenn wir entspannt im Urlaub am Strand liegen. Man könnte daher den allseits bekannten Spruch: "No pain, no gain" austauschen und sagen: "No pain, healthy brain". Sprich, je besser die Verfassung unseres Gehirns ist, desto weniger wird es Schmerzen aussenden.


Das bedeutet, Faktoren wie unsere Stimmungslage, unser Erholungszustand, unsere soziale Verbundenheit sowie unsere Zukunftserwartungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit können sich alle auf unser Schmerzempfinden auswirken.


Daher möchte ich nun auf die Verursacher Stress, Depressionen, Ängste und Sorgen noch etwas genauer eingehen.


Stress ist wohl der am häufigsten genannte psychische Faktor, denn es ist allgemein bekannt, dass Stress bei den meisten Krankheiten ein Mitverursacher ist. Außerdem ist Stress unglaublich vielseitig, sodass Ängste, Sorgen und Depressionen letztlich auch Stress für unseren Organismus bedeuten.


Wie entsteht und wirkt Stress überhaupt?


Psychischer Stress wird unter anderem definiert als:


„… ein biochemischer Vorgang, der nur im Kopf stattfindet, wird hervorgerufen durch die Angst, etwas nicht schaffen zu können. Stress wird nicht von jemand anderem hervorgerufen, sondern immer nur von der gestressten Person selbst“.


Dies bedeutet, dass die Art und Weise, wie Stress auf den menschlichen Organismus

wirkt, von unserer Wahrnehmung des Stressors abhängt und somit in uns entweder negativen Stress (Disstress) oder positiven Stress (Eustress) auslöst.

Disstress entsteht besonders dann, wenn wir unter Leistungsdruck stehen, uns in zwischenmenschlichen Konflikten befinden oder langweilige Aufgaben zu erledigen haben.

Er aktiviert in uns einen Verteidigungsplan, durch den wir in den sogenannten Kampf-, Flucht- oder Einfriermodus gelangen.


Dieser ist tief in unserer evolutionären Geschichte verankert und sorgt dafür, dass über die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin unser Blutdruck und Puls, unsere Aufmerksamkeit und unsere Muskelreaktionen ansteigen (Sympathikusaktivierung), während die nicht unmittelbar benötigten Funktionen, wie die Verdauung, Fortpflanzung oder Immunabwehr (Parasympathikusaktivierung), gehemmt werden.


Kurzzeitig ist das überhaupt kein Problem für uns. Wird dies jedoch zu einem Dauerzustand, bringt es Begleiterscheinungen wie Ängste, Sorgen oder Depressionen mit sich und kann auf körperlicher Ebene zu Erschöpfung, Leistungsabfall und Verspannungen führen.


In Bezug auf Rückenprobleme fördert Disstress vor allem die Angst, uns durch Bewegung noch mehr zu schädigen, was ungünstiger Weise zu noch mehr Bewegungsmangel führen und dadurch eine Negativspirale in Gang setzen kann.



Dem Disstress gegenüber steht der positive Eustress, welcher deshalb als positiv bezeichnet wird, weil er die physische und psychische Funktionsfähigkeit des Organismus positiv beeinflusst.

Diese Art von Stress benötigen wir sogar unbedingt, da wir dank ihm leistungsfähiger werden und uns weiterentwickeln können.


Eustress entsteht, wenn wir Dinge tun, die uns Freude bereiten oder eine große Bedeutung für uns haben. Hierbei werden sogar bei enormer Beschäftigung eher Hormone ausgeschüttet, welche sich positiv auf unseren Gemütszustand auswirken.


Leider gelingt es jedoch nicht vielen Menschen, diese Art von Stress langfristig vorherrschen zu lassen und so sehen sich die meisten heutzutage eher dem Disstress und dessen negativen gesundheitlichen Folgen ausgesetzt.


Letztlich haben wir aber die Möglichkeit, unseren Alltag mit mehr bedeutungs- und freudvollen Aktivitäten zu füllen, sodass der Eustress unsere Stimmungslage verbessern und die Schmerzen verschwinden lassen kann.


Hier noch einige Studien für den interessierten Leser:


https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4924545/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4465351/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4887742/#R19

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17716819

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17224824

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5081964/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5494581/