Die sozialen und umweltbedingten Faktoren von Rückenschmerzen

Aktualisiert: 30. Okt 2018



Wir sind soziale Wesen. Die Interaktionen mit anderen Menschen brachten uns einen entscheidenden Vorteil in unserer evolutionären Entwicklung und machten laut vieler Entwicklungspsychologen das Geheimnis aus, warum sich der Mensch überhaupt gegenüber anderen Spezies durchsetzen konnte. Das kooperative Denken, ein besonders ausgeprägtes Verständnis von Fairness und die Fähigkeit, von anderen zu lernen, haben es dem Menschen ermöglicht, höchst effektiv als Gruppe zu agieren.



In unserer heutigen, industrialisierten Gesellschaft brauchen wir die direkten sozialen Kontakte nicht mehr unbedingt, um zu überleben. Dennoch ist dies in unseren Genen noch so gespeichert und daher belohnt uns unser Gehirn für den engen sozialen Kontakt mit anderen noch immer sehr, indem es sich gut anfühlende Hormone ausschüttet.


Da wir in unseren heutigen, immer komplexer werdenden, Gesellschaften, jedoch tag-täglich zahlreichen, völlig fremden, Menschen begegnen, sind wir auch unzähligen neuen Stressoren ausgesetzt, die vor allem auf psychischer und sozialer Ebene stattfinden.


Neben psychischen Ressourcen sind deshalb insbesondere auch soziale Ressourcen, in Form von vertrauten und uns gut gesonnenen Menschen, eine wichtige Unterstützung für uns. Liebevolle, unterstützende und freudvolle Beziehungen zu unseren Mitmenschen können nämlich – wie aktuelle Studien bestätigen - unser Wohlbefinden steigern und sogar physische Schmerzen senken.



Wenn uns also jemand aufmuntert (und wir nehmen es an und halten es nicht nur für eine Floskel), dann wirkt sich das positiv auf unser Schmerzempfinden aus. Wenn uns jemand im Gegensatz dazu jedoch runter macht (bzw. wir uns runtermachen lassen), kann dies unsere Genesung hindern.



Kommt es zudem auch noch zu sozialer Isolation oder Zurückweisung kann dies unsere Schmerzen sogar noch verstärken. Dazu gibt es eine berühmte Studie, bei der gemessen wurde, wie sich Menschen bei sozialer Ausgrenzung fühlen. Die Studie wurde auf Basis der Theorien zur sozialen Ausgrenzung (Ostrazismus) von dem amerikanischen Psychologen Professor Kipling D. Williams gestaltet, der anfing, sich mit sozialer Ausgrenzung zu beschäftigen, nachdem er sie - wie in folgendem Video zu sehen - selbst erlebt hat.



In der Studie, bei der anstatt einer Frisbee ein online Spiel namens „Cyberball“ benutzt wurde, kam heraus, dass sozialer Schmerz sich ziemlich ähnlich im Gehirn ausprägt wie physischer Schmerz. Er führt z.B. ebenfalls zu vermehrter Ausschüttung entzündlicher Stoffe im Körper. Soziale Isolation wird von einigen Wissenschaftlern daher sogar als ein gesundheitlicher Risikofaktor angesehen, der ähnliche Auswirkungen hat, wie das Rauchen.

Warum kommt es zu sozialer Zurückweisung/Isolation


Hat jemand soziale Ängste, schlechte Social Skills oder Schwierigkeiten in emotionalen bzw. zwischenmenschlichen Beziehungen, kann die eigene soziale Isolation eine Strategie sein, diesen Ängsten aus dem Weg zu gehen., was - wie wir gelernt haben - das Risiko unter Schmerzen zu leiden erhöht.


Auch wenn man schon Schmerzen hat, ist oftmals zu beobachten, dass diese Leute aufgrund der schmerzbedingten Einschränkungen immer weniger soziale Kontakte besitzen, da sie z.B. an einigen Aktivitäten nicht mehr teilhaben können oder sich selbst so stigmatisiert fühlen, dass sie gar keine Unterstützung annehmen wollen.



Letztlich ist es jedoch auch auf der sozialen Ebene sinnvoll, sich nicht in die Opferrolle zu begeben und die Schmerzen für unsere soziale Isolation verantwortlich zu machen. Vielmehr geht es darum, kreative Lösungen zu finden und sich auch realistische Ziele zu setzen, wie wir wieder mehr soziales Leben in unseren Alltag integrieren können.


Wenn wir also aufgrund von Schmerzen nicht mehr an bestimmten Aktivitäten teilnehmen können, könnten wir unsere Freunde fragen, ob sie anderweitig Zeit mit uns verbringen wollen oder wir versuchen, alternative Interessen zu entwickeln und sind offen dafür, dabei neue Leute kennen zu lernen.


Unterstützung zu geben, hilft uns genauso!


Wenn wir unsere Freunde dazu kriegen wollen, anderweitig Zeit mit uns zu verbringen und eine Stütze für uns zu sein, könnte es helfen, wenn wir uns vorher überlegen, wie wir, getreu dem Motto: „Es sollte immer ein Geben und Nehmen sein“, der Person in Dingen helfen können, die ihr wichtig sind, um dann auch einfacher eine Gegenleistung erbitten zu können, die nicht nur auf Mitleid basiert.


Ein zusätzlicher, entscheidender Vorteil davon, auch anderen zu helfen, ist, dass dies auf direkte Weise auch zu unserer Gesundheit beiträgt. So zeigen aktuellste Studien, dass sowohl das Erhalten als auch das Geben von sozialer Unterstützung, unsere negativen psychologischen Faktoren verringern können.


Umweltbedingte Faktoren


Nicht nur unsere sozialen Beziehungen gehören zu den Faktoren, die unsere Rückengesundheit von außen beeinflussen können, sondern auch unsere Umwelt. Zu unserer heutigen Umwelt gehört weniger die freie Natur, wie es noch bei unseren Vorfahren der Fall war, sondern viel mehr der Arbeitsplatz, die Schule/Uni und das häusliche Umfeld. Ohne diese Tatsache von Grund auf als schlecht und ungesund zu diffamieren, könnten wir versuchen, diese Umwelt genauer auf ihre gesundheitsschädlichen Aspekte zu untersuchen.



Sitzen wir jeden Tag stundenlang an einem Arbeitsplatz, der nicht den ergonomischen Standards entspricht oder müssen den ganzen Tag einseitig belastende Tätigkeiten ausführen, dann erschwert dies unseren Weg zur nachhaltigen Rückengesundheit enorm. Sind wir dazu in unserem Zuhause vermehrtem Elektrosmog ausgesetzt, werden nachts durch zu viel Licht oder Lärm gestört oder besitzen keine uns angepasste Matratze, dann können wir uns nicht einmal mehr in der Nacht richtig erholen.


Dabei ist erholsamer Schlaf für unsere Gesundheit unabdingbar. Schlafen wir schlecht oder zu wenig, kann unser Körper nicht optimal regenerieren. Das hat negative Auswirkungen auf unsere Laune, Stressanfälligkeit und Vitalität im Alltag.


Ein weiterer ungünstiger Umstand können auch unangenehme Gerüche in unserem Alltag sein. Denn diese führen dazu, dass wir nicht mehr normal atmen und uns eine eher flache Atmung aneignen.


Es ist also nicht immer nur der fehlende Wille zu einem gesünderen Verhalten sondern es können auch die Verhältnisse sein, die Veränderungen nicht zulassen oder extrem erschweren. Die eigenen Lebensverhältnisse ausreichend zu analysieren und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen, um gesundheitsförderndere Umstände zu schaffen (was man hierfür genau tun kann, folgt in zukünftigen Blog-Artikeln), kann daher genauso hilfreich sein, wie das Unterfangen, sein Verhalten verändern zu wollen.


Einige Studien für den interessierten Leser:


https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4851591/

https://nyaspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/nyas.13703

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4869967/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25185789

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3719078/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3273616/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17729093