Rückenschmerzen? Braucht man da wirklich unbedingt eine Diagnose vom Arzt?

Aktualisiert: 29. Aug 2018

In diesem Artikel erkläre ich Dir, warum bei Rückenschmerzen in den meisten Fällen eine Diagnose unnötig ist und worauf Du den Fokus ansonsten lieber legen könntest!

Wir sind heutzutage regelrecht „diagnosegeil“ geworden. Bevor wir nicht genau wissen, was wir haben, können wir nicht ruhig schlafen. Wir möchten wissen, ob unser schlimmster Albtraum wirklich wahr ist. Wir geben unsere Symptome bei Google ein und finden dort die schrecklichsten Bilder und Berichte. Und wir rennen von Arzt zu Arzt, um endlich eine plausibel klingende Diagnose zu bekommen. Darum sind die Ärzte auch nicht alleine verantwortlich dafür (auch wenn sie natürlich stark davon profitieren), dass Röntgenbilder, MRT´s und andere Diagnose-Verfahren oftmals verfrüht und viel zu häufig eingesetzt werden.


Da nämlich bei Rückenschmerzen in nur etwa 10 % der Fälle spezifische Ursachen wie Wirbelbrüche, Nervenwurzelschädigungen oder Tumore (sogenannte „rote Flaggen“) gefunden werden, sollten nach den Nationalen Versorgungsleitlinien für den nicht-spezifischen Rückenschmerz der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2017 nur bei Verdacht auf solche spezifischen Ursachen bildgebende Verfahren verwendet werden.


Denn in den anderen 90 % der Fälle, in denen die Ursachen unspezifisch sind, verschwinden die Schmerzen innerhalb der ersten 4-6 Wochen von selbst, weswegen laut den Leitlinien möglichst bis zu diesem Zeitpunkt abgewartet werden sollte, ob die Schmerzen dann noch immer bestehen und erst dann bildgebende Verfahren zur Erstellung einer Diagnose eingesetzt werden. Da in unserem Gesundheitssystem jedoch Untersuchungen besser honoriert werden als Patientengespräche, werden diese Leitlinien jedoch in den vielen Fällen missachtet.


Doch, wie oben erwähnt, sind wir selbst hierfür genauso verantwortlich. Denn laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung erwarten 60 Prozent der Arzt-Aufsuchenden schnellstens eine bildgebende Untersuchung und rund 70 Prozent glauben, dass der Arzt dadurch die genaue Ursache des Schmerzes findet. Doch das ist - wie wir soeben gelernt haben- in den meisten Fällen ein Trugschluss!


Sind Diagnosen bei unspezifischen Rückenschmerzen überhaupt aussagekräftig?


In einer 2014 veröffentlichten Rezension zahlreicher Studien wurden Menschen ohne jegliche Rückenschmerzen getestet. Es konnte herausgefunden werden, dass bei 37% der 20-Jährigen und 96% der 80-jährigen degenerative Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben gefunden werden konnten. Der Rückschluss dieser Rezension war, dass viele Befunde aus MRT-Bildern wohl eher den normalen Veränderungen im Alter zuzuordnen sind, als dass sie eine Aussage über die Schmerzen des Patienten möglich machen.


Somit lassen sich bei fast jedem Erwachsenen in unserer westlichen Welt Abnutzungserscheinungen in den verschiedensten Gelenken des Körpers finden, wenn sie genau untersucht werden. Haben wir nun Schmerzen im Rücken und lassen ein MRT machen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieser auch irgendwelche Abnutzungserscheinungen findet, die er dann den bestehenden Schmerzen zuordnet und behandeln bzw. operieren will. Da diese aber wohl auch gefunden worden wären, wenn wir keine Schmerzen gehabt hätten, lässt sich die Aussagekraft einer Diagnose, wenn es sich um unspezifische Rückenschmerzen handelt, zumindest anzweifeln.


Spielt eine Diagnose eine Rolle bei unserer Genesung?


Die Diagnose könnte unter Umständen für einen Physiotherapeuten, Osteopathen oder Trainingstherapeuten interessant sein, damit dieser dementsprechend seine Behandlung bzw. das Training gestalten kann. Viel sinnvoller könnten hier jedoch andere Professions-spezifische Tests sein, durch die die vom Arzt als unspezifisch deklarierten Ursachen spezifiziert werden können. Das hört sich zwar etwas verwirrend an, aber ich meine damit nur, dass z.B. Tests für den Zustand des Fasziengewebes, funktionelle Bewegungstests oder auch psychologische Tests die vielfältigen Gründe der Überlastungen eindämmen können, um die jeweilige Behandlung bzw. den Trainingsansatz dementsprechend anzupassen.


Wichtiger als die Diagnose vom Arzt ist in Bezug auf unsere Genesung daher die Frage danach, wie wir mit unseren Rückenproblemen umgehen, sowie auch was wir über sie denken. Denn eine Diagnose, dass Abnutzungserscheinungen der Wirbelsäule, eine Bandscheibenvorwölbung oder Ähnliches vorliegen, kann uns enorme Sorgen bereiten und Angst machen. Wer hört nämlich schon gerne, dass seine Wirbelsäule gealtert oder beschädigt sei?


Deshalb warnen auch Lorimer Moseley und David Butler, zwei der bekanntesten Schmerzspezialisten der Welt, davor, Diagnosen zu viel Bedeutung zu geben. Der Großteil der gefundenen strukturellen Schädigungen stellen auch deren Meinungen zufolge ohnehin nur Dinge dar, die bei den meisten Menschen etwas völlig Normales sind. Sie können Rückenschmerzen zwar mitverursachen, aber sie alleine bedeuten nicht einmal, dass wir überhaupt jemals Schmerzen haben werden. Genauso wenig wie es unbedingt bedeuten muss, dass die Schädigungen verschwunden oder wir geheilt sind, wenn unsere Schmerzen nicht mehr da sind. Wie Schmerzen wirklich entstehen erfährst du in meinem älteren Artikel.


Darüber hinaus ist eine Diagnose nicht einmal immer akkurat.


Nicht selten werden zudem Diagnosen gestellt, die von einem anderen Arzt nicht gestellt werden würden. Wir denken dann zwar, wir wüssten, was wir haben und mögen beruhigt - oder wenn unsere schlimmste Befürchtung wirklich eingetreten ist - beunruhigt sein. Aber zum einen ist die Diagnose nicht einmal zu 100 % gewiss und zum anderen ist das Wissen darüber für unsere Genesung, wie wir gelernt haben, meistens sowieso irrelevant.



Die Diagnose fördert vielmehr unseren Drang, uns in die komfortable Opferrolle zu begeben, da wir dann unsere unglücklichen körperlichen Umstände für unsere Schmerzen verantwortlich machen können, anstatt unseres eigenen Verhaltens. Doch nehmen wir diese Opferrolle an, ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Rückenprobleme chronisch werden, am höchsten. So stark und real sich unsere Schmerzen daher auch anfühlen mögen, kann es oftmals förderlich sein (wenn „rote Flaggen“ ausgeschlossen wurden), dass wir uns mehr auf das Aktiv-Werden konzentrieren, anstatt um alles in der Welt eine Diagnose bekommen zu wollen.


In der komfortablen und zugleich hinderlichen Position der Opferrolle habe auch ich mich jahrelang befunden. Ich konnte jedem erzählen, wie schlimm ich doch dran war, dass ich schon mit 23 Jahren einen doppelten Bandscheibenvorfall hatte. Immer wieder hörte ich daraufhin Aussagen wie: „In deinem Alter schon? Das ist ja echt schlimm!“ oder: „Einen Bandscheibenvorfall? Der Fußball hat deinen Körper ja wirklich zerstört.“ Während ich am Anfang immer noch darauf eingegangen bin und sich die folgenden Schmeicheleien kurzzeitig wie Balsam auf der Seele anfühlten, habe ich, nachdem ich über die wahren Ursachen von Rückenproblemen informiert war, angefangen zu erwidern: „Ach, einen Bandscheibenvorfall haben viele Menschen! Das ist nichts Außergewöhnliches und der macht mir auch gar keine Probleme mehr.“


Das soll aber auch nicht heißen, dass die Diagnosen herunter gespielt und fahrlässig gehandelt werden soll. Genauso wenig sollten strukturelle Schädigungen niemals beseitigt werden, wenn es hierfür eine Möglichkeit gibt und es für notwendig gehalten wird. Aber wir können lernen, zu akzeptieren, dass viele unserer Strukturen im Körper nicht mehr genauso aussehen, wie unmittelbar nachdem wir ausgewachsen waren. Wir denken ja auch nicht, wir seien hautkrank, nur weil wir Falten haben. Ändern wir diesbezüglich unsere Denkweise, dann legen wir unsere Diagnosen auch nicht mehr so sehr auf die Goldwaage und versuchen es vielleicht doch lieber mit einer konservativen Behandlung bzw. mit eigenem Aktiv-Werden. Denn wir wissen, dass unser Körper ein großartiges Kompensationswunder ist, der vieles enorm gut tolerieren und dennoch perfekt funktionieren kann.


Auch möchte ich mit diesem Artikel nicht bewirken, dass du nie wieder zum Arzt gehst, bzw. ihn um alles in der Welt keine Bilder mehr machen lässt. Du könntest ihn lediglich darauf ansprechen, ob dies unbedingt notwendig wäre, da ein Verdacht auf spezifische Ursachen besteht, bzw. dir erklären lassen, inwieweit ein Bild einen Nutzen für deine Genesung haben könnte.


Eine hilfreiche Frage, die wir uns (oder unserem Arzt) stellen können, wenn wir dann doch eine Diagnose bekommen haben, ist: Ist die Schädigung wirklich so schlimm und aussichtslos, wie sie sich anhört und wie können wir selbst aktiv werden, um unseren Körper optimal dabei zu unterstützen, uns auch weiterhin ein vitales Leben nach unseren Vorstellungen ermöglichen zu können?


Bei Rückenschmerzen kann es in vielen Fällen der nachhaltig sinnvollere Ansatz sein, die Verantwortung in die eigene Hand zu nehmen, auf die Stärke des eigenen Körpers zu vertrauen, mit den vermeintlichen Schädigungen umgehen zu können und ihn dabei, durch aktives Verhalten so gut wie möglich zu unterstützen.




Falls du den Ursachen für die Überlastungen deines Rückens selbst auf den Grund gehen willst, kann ich dir nur unseren kostenlosen Selbsttest empfehlen. Hierbei wirst du in 7 Übungen selbst testen können, wo deine funktionellen Bewegungsdefizite - und damit möglichen Ursachen - liegen.


Hier eine Liste von Studien für den interessierten Leser:


https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_VV_FC_Ruecken_Behandlungsfaelle-Bildgebung.pdf

https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_VV_FC_Ruecken_Befragung.pdf

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4464797/ https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5687715/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25430861