Sind nun tatsächlich die Faszien verantwortlich für Rückenschmerzen?

Faszien gelten mittlerweile als Auslöser vieler unspezifischer Rückenschmerzen. Dennoch sind sie aber nicht zwangsweise auch die Verursacher davon.

In diesem Artikel erfährst Du, was die Funktionen von Faszien sind, wie sie mit Rückenschmerzen zusammenhängen und was Du tun kannst, um sie gesund zu halten.


Faszien sind nun schon seit einigen Jahren in aller Munde und besonders im Fitnessbereich und in der Rehabilitation wurde ihnen immer mehr Bedeutung zugeordnet. Das auch zu Recht, da die Wissenschaft immer mehr neue Erkenntnisse über diese faszinierenden Bindegewebsstrukturen gewinnt und die daraus resultierenden Methoden zur (Selbst-)Behandlung zahlreichen Menschen helfen.


Die Art und Weise, wie wir die Faszien behandeln (mit Faszienrollen, Tennisbällen etc.), mag vielleicht nur ein vorübergehender Trend sein, aber das Wissen über die Faszien wird für unser Verständnis des Körpers weiterhin wichtig bleiben. Denn durch die Entdeckungen und Erkenntnisse über die zahlreichen Funktionen der Faszien lassen sich die Anatomie und Physiologie unseres Körpers neu erklären.


Was sind Faszien und welche Funktionen besitzen sie?

Faszien sind Gewebestrukturen, wie Bänder, Sehnen oder Knorpel, die ein dreidimensionales Netz bilden, welches den gesamten Körper in Faszienketten vom großen Zeh bis zur Stirn miteinander verbindet und dabei Muskeln, Gelenke, Knochen und Organe in mehreren Schichten umhüllt. Hierüber können die einzelnen Bereiche unseres Körpers mit Flüssigkeit, Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Dieses Fasziennetz ist sowohl biegsam als auch reißfest. Es bildet mit den Muskeln zusammen ein funktionelles Netzwerk, das Kräfte optimal von Muskel zu Muskel übertragen und enorme Stöße abdämpfen kann. Hierbei spricht man häufig auch von myofaszialen Ketten.


Wir haben alle ein solches Netzwerk schon einmal gesehen, wenn wir eine Mandarine geschält haben und dann noch die weißen Fäden abpellen. Dann hat man Teile dieses Netzes in der Hand.

Laut Robert Schleip, dem wohl bekanntesten Faszienforscher Deutschlands, lässt sich das Fasziennetz (wenn das Unterhautbindegewebe, das intramuskuläre Bindegewebe und die Gelenkkapseln dazugezählt werden) als ein eigenständiges Sinnesorgan, und damit als unseren sechsten Sinn, bezeichnen.


Denn es besitzt über Hundert Millionen Nerven und ist dadurch reichhaltiger innerviert als der Sehsinn. Über dieses Sinnesorgan wird unsere funktionelle, innere Körperwahrnehmung (Propriozeption) gesteuert. Dank ihr wissen wir zum Beispiel, ob eine Schulter höher steht als die andere oder ob wir in einem Rundrücken oder Hohlkreuz sitzen.


--> Hier seht Ihr ein kurzes Interview, das ich mit Dr. Robert Schleip über den 6. Sinn unserer Faszien geführt habe


Doch was haben Faszien mit unseren Rückenschmerzen zu tun?

Insbesondere durch mangelnde Bewegung, dauerhafte und einseitige Haltungen oder zahlreiche Kompensationsbewegungen werden die Faszien nicht mehr genug mit Flüssigkeit versorgt, wodurch sie „verfilzen“ und die einzelnen Faszienschichten miteinander verkleben. Dadurch wird auch unsere Propriozeption (Wahrnehmung von Körperbewegungen und-lage) gestört.


Um uns auf diesen ungünstigen Zustand aufmerksam zu machen, senden die zahlreichen Schmerzrezeptoren der Faszien Signale an unser Gehirn, die dort Empfindungen von Verspannungen oder Schmerzen entstehen lassen sollen. Für Rückenschmerzgeplagte ist besonders die große Rückenfaszie (thorakolumbale Faszie) relevant, da sie über den kompletten Lendenwirbelbereich und Teile des Brustwirbelbereichs zieht und besonders viele Muskelverbindungen und Schmerzrezeptoren besitzt. Deshalb kann mithilfe dieses Wissens möglicherweise auch erklärt werden, wo bei den Rückenschmerzgeplagten mit fehlender Diagnose die Schmerzen herkommen.


Neueste Erkenntnisse deuten zudem darauf hin, dass die Faszien auch auf negativen Stress (Disstress) reagieren. Denn ihr Zustand ist auch abhängig vom biochemischen Milieu, in welchem sie sich befinden. Disstress führt hier zu einem sauren pH-Wert, wodurch die Faszien schneller verhärten und Schmerzsignale ausgelöst werden können.


Diese Erkenntnisse über die Faszien bedeuten nicht, dass sie die Verursacher von unspezifischen Rückenschmerzen sind. Vielmehr können sie als Leidtragende ungünstiger Faktoren wie Bewegungsmangel, einseitiger Belastungen und Stress angesehen werden und durch das Auslösen eines Schmerzsignales wollen sie uns lediglich auf Ihren Zustand aufmerksam machen.


Somit geben diese Erkenntnisse uns eine (wenn auch nicht die einzige) Erklärungsmöglichkeit, wo die Schmerzen bei den 90 % der Leute mit unspezifischen Rückenschmerzen ausgelöst werden könnten, auch wenn aktuell noch diskutiert wird, ob auf der anderen Seite sich der Zustand der Faszien nicht vielleicht auch durch die Schmerzen erst verschlechtert hat. Klar ist jedoch, dass es hilfreich sein kann, sich im Kampf gegen Rückenschmerzen auch auf die Gesundheit der Faszien zu konzentrieren.


Was können wir für unsere Fasziengesundheit tun?

Auch wenn somit die Faszien eher als ein Entstehungsort, nicht jedoch als alleinige Ursache, von Schmerzen anzusehen sind, kann es nicht schaden, sie gezielt so gesund wie möglich zu halten.


Hierfür gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, wie z.B. die Faszien abzurollen mit einer Faszienrolle, die wir mittlerweile in fast jedem Fitnessstudio vorfinden. Eine einfache Alternative dazu ist das Benutzen eines Besenstiels oder Teleskopstabs.


--> Hier Ihr noch ein kurzes Interview mit Dr. Robert Schleip zum Thema "Alternativen zu den Faszienrollen"



Um die Verklebungen oder Verfilzungen der Faszien zu lösen, können wir mithilfe eines solchen Stabes (Ich nutze meistens den Teleskobstab für 1,99 Euro von DM oder Rossmann) durch sanfte Rollbewegungen gezielt Druck auf die Faszien ausüben.


Ähnlich wie bei einem Schwamm saugen sie sich anschließend mit Flüssigkeit voll, wodurch sie wieder besser mit Nährstoffen versorgt werden und Entzündungen verschwinden können.



Hierbei reicht die sanfte Behandlung aus, ohne dass wir, wie bei einer „Triggerpunktmassage“, tief in das Gewebe hineindrücken müssen.


Wenn wir anschließend mit dem Stab in sanften Streichbewegungen über die Haut gehen, können hierdurch auch die Verklebungen der direkt unter der Haut liegenden Faszienschichten gelöst werden, was besonders effektiv gegen Verspannungen und Schmerzen ist, da in diesen über 80 % der Nervenendigungen liegen.


Durch das Behandeln des unteren Rückens kann die bei Rückenschmerzgeplagten

gestörte Propriozeption wieder verbessert und Verspannungen (zumindest kurzzeitig) gelöst werden. Auch bei Nackenverspannungen bietet sich die Faszienbehandlung zum Lösen der Verspannungen an.


Insbesondere bei den Streichbewegungen wird der Effekt erhöht, wenn direkt auf der

Haut behandelt wird. Trage hierfür kurz vor dem Behandeln auf den jeweiligen Bereich etwas dickflüssige Körperlotion auf (Ich nutze am liebsten die Nivea Creme aus der Dose) und behandle jeden Bereich mindestens 30 Sekunden lang. Wichtig dabei: Knochen, Gelenke und Muttermale aussparen und bei schwereren Hautreaktionen das Behandeln stoppen und ggf. einen Hautarzt aufsuchen. Da die Faszien nur sanft behandelt werden, sollten hierbei währenddessen keine Schmerzen entstehen, sondern höchstens ein leicht unangenehmes Gefühl auftreten.



Eine Reihe hilfreicher Faszienübungen mit dem Stab findest Du auch bei unserer Rücken Fit Challenge.

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Das Besondere an diesem Programm ist, dass die Kosten dafür sogar bis zu 100 % Deine Krankenkasse trägt.




Einige Studien für den interessierten Leser:


https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5444000/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17574469

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22923663

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26079868

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21943614

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24076047