Wie unser Denken unsere Schmerzen beeinflusst

Aktualisiert: 20. Sept 2018

Aus der Schmerzforschung wissen wir heute, dass unsere mentale Einstellung einen großen Einfluss auf unser Schmerzempfinden hat. Warum das so ist und wie Du Dein Denken verändern kannst, damit Deine Schmerzen gelindert werden, erkläre ich Dir in diesem Artikel.



Schmerzentstehung ist komplexer als wir dachten


In der Wissenschaft war man lange Zeit davon überzeugt, Schmerzen mit einem simplen Modell erklären zu können. Dies beschrieb die Schmerzentstehung wie folgt: Man stößt sich irgendwo, das Signal wandert hoch zum Gehirn und ein Schmerzempfinden wird ausgelöst.


Heute wissen wir aus der Schmerzforschung jedoch, dass der gesamte Schmerzauslöseprozess deutlich komplexer ist. Wenn in dem betroffenen Gewebe über die sogenannten Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) eine Gefahr wahrgenommen wird, senden diese ein Signal über das Rückenmark zum Gehirn. Dieses verarbeitet aber nicht einfach nur die ankommenden Signale und schüttet automatisch schmerzauslösende Stoffe aus. Sondern es erfolgt zunächst im Bruchteil einer Sekunde eine komplexe Analyse und Interpretation dieses Reizes, wobei das Gehirn die verschiedensten zusätzlichen Informationen zu berücksichtigen hat.

Zu diesen gehören z.B.:


• Einschätzung der Gefahr,

• Glaubensansätze,

• vergangene ähnliche Situationen sowie

• andere wichtigere Dinge.


Erst wenn das Gehirn nach dieser Analyse die Schmerzauslösung für sinnvoller hält, als beispielsweise eine Bewegung, die Schweißproduktion oder das Sprechen, sendet es die bestimmten Stoffe aus, die uns Schmerzen empfinden lassen.



Dabei ist Schmerz grundsätzlich gar nichts Schlimmes. Er macht uns lediglich die Gefahr bewusst und warnt uns davor. Das muss man sich vorstellen wie einen Feuermelder, der bei einem Feuer anspringt, damit wir uns in Sicherheit bringen können.


Manchmal kann dieses Warnsystem aber auch versagen. Einige Kinder wachsen beispielsweise ohne jegliches Schmerzempfinden auf und verletzen sich dadurch oftmals schwerwiegend, weil sie die Gefahr gar nicht zu spüren bekommen. Auf der anderen Seite kommt es bei Menschen mit einem fehlenden Körperteil häufig zu einem sogenannten Phantomschmerz in dem nicht mehr vorhandenen Glied.


Das System kann aber auch einfach überreagieren und sogar bei ganz normalen Bewegungen Schmerzen auslösen. Dies geschieht dann, wenn die Nozizeptoren zu sensibel geworden sind und schon beim kleinsten Reiz Schmerzsignale aussenden. Das wäre dann so, als wenn ein Feuermelder ein Signal auslöst, wenn lediglich eine kleine Kerze brennt. Somit ist die Stärke unserer Schmerzen auch davon abhängig, wie sensibel die Schmerzrezeptoren sind.


Schmerzen sind individuell


Dies zeigt, dass das Schmerzempfinden eine äußerst individuelle Sache ist und eine Verletzung oder Schädigung unseres Körpers nicht gleichzusetzen ist mit einem Schmerz. Wichtig zu wissen ist, dass diese individuelle Schmerzschwelle beeinflussbar ist. Über chemische Stoffe sendet das Gehirn, wenn es ein Schmerzsignal aus dem Körper bekommt, entweder schmerzlindernde oder schmerzverstärkende Signale an die jeweilige Stelle.



Treten wir in eine Reißzwecke, tut es weh. Laufen wir währenddessen vor einem Löwen davon, merken wir sie gar nicht. In einer solchen Notfall- oder Gefahrensituation verringert sich der Schmerz, indem das Gehirn Stoffe wie Noradrenalin, Serotonin oder Endorphine ausschüttet.


Diesen Vorgang nennt man die absteigende Hemmung. Jedoch benötigt das Gehirn hierfür nicht immer eine solche ablenkende Gefahrensituation. Wir können diesen Mechanismus auch aktivieren, indem wir Dinge tun, die uns Freude bereiten, uns viel bedeuten oder bei denen wir liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen pflegen. Sogar unsere Lieblingsmusik und angenehme Gerüche können dabei helfen, Schmerzen zu reduzieren.


Demgegenüber steht die absteigende Verstärkung. Hierbei sendet unser Körper nun Stoffe an die betroffene Stelle, die das Gewebe noch sensibler werden lassen. Je sensibler es ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es schmerzt. Dieser Mechanismus kann dafür sorgen, dass z. B. eine alte Verletzung immer noch schmerzt, obwohl sie schon längst verheilt ist.


Er wird vor allem dann aktiviert, wenn wir den Schmerz regelrecht antizipieren, weil wir denken, es müsste ja wehtun, da wir Dinge gehört haben, wie: „Es reibt in Ihrem Gelenk nun Knochen auf Knochen!“ oder: „Sie haben die Wirbelsäule eines 80-Jährigen!“ Oftmals sind es auch überfürsorgliche Verwandte oder Freunde, die uns ungewollt noch mehr Angst machen, indem sie uns einreden, wir müssten uns unbedingt schonen und besonders aufpassen, bloß nichts falsch zu machen.


Aktuelle Studien bestätigen, je mehr Aufmerksamkeit wir der Schädigung schenken und je mehr wir sie als etwas Schlimmes betrachten, desto mehr wirkt die absteigende Verstärkung und desto stärker und lang anhaltender sind daher die Schmerzen. Typische Dinge, die ein solcher Rückenpatient in der Folge zu sich selbst sagt, sind: „Etwas Gefährliches geschieht in meinem Körper!“, „Der Schmerz wird mich davon abhalten, die Dinge zu tun, die mir am wichtigsten sind!“ oder: „Ich werde bestimmt arbeitsunfähig werden, wie meine Kollegin damals!“


Was bei diesen Patienten durch solche kontraproduktiven Glaubenssätze passiert, ist, dass sie sich nur noch sehr vorsichtig bewegen, weil sie ja denken, im Rücken sei etwas beschädigt (bedenke, dass 90 % keine spezifische Ursache besitzen) und könnte dadurch noch schlimmer werden. Dieses Angst-Vermeidungs-Verhalten führt dann dazu, dass sie verkrampfen, sich viel zu wenig bewegen, und durch die ständige schützende Anspannung noch mehr Kompression auf die Bandscheiben wirkt. Wir wissen heute, dass etwa 30 % aller Menschen mit Bandscheibenvorfällen nicht einmal wissen, dass sie einen erlitten haben, da es nie zu einer Symptomatik kam.


Diese Menschen blieben daher zu ihren Gunsten verschont von der absteigenden Verstärkung, die durch eine Diagnose wie einen Bandscheibenvorfall schnell in Gang gesetzt werden kann.


Es ist wichtig, diese Mechanismen zu verstehen, da wir dann nicht mehr denken, es sei einzig und allein die physische Schädigung, die uns Schmerzen brächte und weswegen wir äußerst vorsichtig mit unserem Rücken umgehen müssten.

Sondern wir wissen, dass jeder Schmerz grundsätzlich "real" ist, egal, wie er ausgelöst wird, und dass wir aber eine Menge zur Schmerzlinderung beitragen können, indem wir unser mit ungesunden Faktoren gefülltes Fass leeren oder es durch das Verhindern der absteigenden Verstärkung zumindest vor dem Schrumpfen bewahren. Denn je kleiner unser Fass ist, desto schneller würde es überlaufen und somit Schmerzen ausgelöst werden.


Meine Erfahrungen mit Schmerzen


Ich habe selbst jahrelang geglaubt, was mein Arzt mir damals gesagt hatte: „Junge, sei lieber vorsichtig und mache nicht mehr so viel Sport, denn ohne den Knorpel und Außenmeniskus reibt nun Knochen auf Knochen und wenn du dein Knie weiterhin belastest, wirst du in einigen Jahren ein künstliches Kniegelenk brauchen.“ Ich bin mit diesem Glauben fast ein Jahrzehnt herumgelaufen und habe jedes Mal, wenn ich nach dem Sport nur ein wenig mehr mein Knie gespürt habe, Angst davor gehabt, dass die Prophezeiung meines Arztes nun wahr werden würde. Also habe ich den Sport heruntergeschraubt und, wenn überhaupt, dann nur noch Sport mit geringen Kniebelastungen durchgeführt.


Dadurch sind die Schmerzen zwar nur noch niedrigschwellig, aber dennoch dauerhaft dageblieben. Bis ich über die Erkenntnisse der Schmerzforschung erfahren habe und gelernt habe, dass es nicht nur die Strukturen sind, die mir dauerhaft Schmerzen bereiteten, sondern vor allem auch meine Glaubenssätze. Doch dann habe ich mir selbst die Erlaubnis gegeben, wieder daran zu glauben, dass ich komplett schmerzfrei werden kann und irgendwann auch wieder Fußball spielen könnte. Deshalb habe ich aufgehört, stets in mein Knie hineinzufühlen und nur darauf zu warten, dass ich es z. B. nach dem Joggen wieder mehr spüren würde, sondern mir gesagt: „Ich lasse mich davon nicht abhalten, denn mein Knie ist stark genug.“


Es war mir klar, dass nach so langer Zeit, ohne größere Belastungen, die Strukturen am Anfang etwas mehr gereizt sein würden. Aber das heißt nicht, dass Knochen auf Knochen reibt, denn das wären viel stärkere Schmerzen. Nachdem ich die Intensität meines Trainings nach und nach steigerte und zusätzliche Übungen gegen meine muskulären und funktionellen Defizite durchführte, hat sich der Zustand meines Knies von Mal zu Mal gebessert und ich bin sogar heute wieder in der Lage, in der Oberliga Fußball zu spielen.


Wir haben mittlerweile weitestgehend akzeptiert, dass es einen Plazeboeffekt gibt, also dass es zu Heilung kommen kann, wenn wir glauben, wir würden geheilt werden, jedoch z. B. gar kein Wirkstoff im Medikament war. Was jedoch nur wenige wissen, ist, dass es auch einen Nozeboeffekt gibt. Demnach können sich Schmerzen auch verschlimmern, wenn wir glauben, dass wir aufgrund der Schädigung starke Schmerzen haben müssten.


Auch wenn es nicht einfach ist, sich den Plazeboeffekt zunutze zu machen, wollen wir doch so gut wie möglich versuchen, die Wirkung des Nozeboeffekts zu verhindern, auch um uns überhaupt erst einmal die Chance zur Heilung zu geben. Das heißt nicht, dass wir die Schmerzen bagatellisieren und nicht ernst nehmen wollen, oder gar denken, wir müssten sie aushalten. Ganz im Gegenteil, es ist uns klar, dass ein Problem vorliegt, welches das Fass weiter füllen kann, wir theatralisieren es jedoch nicht, da wir wissen, unser Körper kann damit sehr gut klarkommen, wenn wir ihm durch unsere Aktivitäten und Denkweisen die Möglichkeit dazu geben.


Deshalb hoffe ich, dass auch Du – falls Du selbst chronische bzw. episodische Schmerzen hast – aufhörst zu glauben, Dein Körper wäre äußerst anfällig, abgenutzt oder schwach. Ich möchte Dich dazu inspirieren, zu glauben, dass deine Schmerzen trotz der Abnutzungen verschwinden können.


Falls Du episodische oder chronische Schmerzen hast, wirst Du es wahrscheinlich kennen, dass es Tage gibt, an denen der Rücken weniger schmerzt und wiederum Tage, an denen er ohne einen erklärlichen Grund wieder deutlich schlimmer zu spüren ist. Denkst Du, an diesen „schlimmeren“ Tagen sind die Abnutzungen besonders groß? Oder hängt es vielleicht doch eher von den verschiedensten ungesunden Faktoren ab und an diesen Tagen ist vielleicht nur Dein Fass ziemlich stark gefüllt oder deine katastrophisierenden Gedanken haben es zum Schrumpfen gebracht?


Schmerz ist immer ein Feedback, entweder etwas im Äußeren (Belastung) oder im Inneren (Einstellung) zu verändern. Für welchen Weg wir uns auch entscheiden, es fängt immer damit an, uns nicht als Opfer unserer Umstände zu sehen, denn dann werden wir überhaupt nichts verändern. Vielmehr sollten wir verinnerlichen, dass wir nicht arm dran sind, weil unser Körper schon so „abgenutzt“ ist, sondern eher gesegnet, weil wir einen so widerstandsfähigen Körper haben, der trotz enormster Belastungen und Verschleißerscheinungen dennoch bestens funktionieren und uns Freude und Lebenslust bringen kann, wenn wir ihm die Chance dazu geben.



Wenn Du bereit bist, die Herausforderung anzunehmen und die Opferrolle zu verlassen, um gezielt an Deiner Rückengesundheit zu arbeiten, dann nimm doch an unserer 6-wöchigen Rücken Fit Challenge teil. Denn hier wird Dir nicht nur ein individueller Video-Trainingsplan bereitgestellt, sondern auch Tipps und Übungen mit an die Hand gegeben, wie Du die Belastungen Deines Rückens minimieren und deine innere Einstellung optimieren kannst.

Das Besondere an diesem Programm ist, dass die Kosten dafür sogar bis zu 100 % Deine Krankenkasse trägt.

Einige Studien für den interessierten Leser:


https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24780622

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17379417

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21325618

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27030661

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3055515/

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5621640/